23. MVZI-Sommersympsoium in der Autostadt Zwickau 2016

 

Mit dem Thema „Bit, Biss, Bytes" nahm sich das diesjährige 23. Sommersymposium des MVZI im DGI e.V. den Möglichkeiten (und Risiken) der fortschreitenden Digitalisierung in der Zahnheilkunde, insbesondere in der Implantologie, an.

Nachdem auch in den vergangenen Jahren in verschiedenen Einzelvorträgen Themen wie DVT-Röntgentechnik, digitaler Workflow, CAD/CAM mit digitaler Gestaltung von Zahnersatz angesprochen wurden, widmete sich diese Fortbildung strukturiert und systematisch allen zugehörigen Bereichen.

Der Tagungsort im wunderschönen Gründerzeitsaal des Ball- und Konzerthauses „Neue Welt" in Zwickau bot nicht nur für die Abendveranstaltung ein einzigartiges und würdiges Ambiente. Hier waren, dank der geräumigen Platzverhältnisse Hauptplenum, Schwesternfortbildung, Industrieausstellung und Tischdemonstrationen an einem Ort. 170 Kollegen und 83 Helferinnen folgten der diesjährigen Einladung nach Zwickau.

Nach musikalischer Einleitung der Schüler vom Musikgymnasium der Stadt Zwickau, hat uns die Oberbürgermeisterin Dr. Pia Findeiß herzlich begrüßt und nach Vorstellung ihrer Stadt uns einen erfolgreichen Kongress und interessante Fachdiskussionen gewünscht. Die Schubert-Stadt Zwickau steht dabei für Kultur, die Horch-Stadt Zwickau für Innovationen – also ganz das Motto der Veranstaltung. Die Tagung wurde durch den Kongresspräsidenten Doz. Dr. Michael Fröhlich mit einer Einführung in das Thema eröffnet.

Von besonderem Interesse waren die an beiden Tagen präsentierten Eröffnungsvorträge mit dem „Blick über den Tellerrand hinaus". Herr Prof. Dr. Ralph Stelzer, Dekan der Fakultät Maschinenwesen und Professor für Konstruktionstechnik/CAD an der TU Dresden zeigte eindrucksvoll neben der explosiven Entwicklung der Computertechnik die Möglichkeiten der aktuellen digitalen Visualisierung, die teilweise schon autarke Kommunikation von Systemen der Robotik und Prozesse der „4. Industriellen Revolution". Also allgemeine und spezielle Aspekte der digitalen Welt - was Zukunftsmusik ist und was nur wie Siencefiction klingt, aber bereits Realität ist. Besonders ein Video eines eigenständig im Wald laufenden zweibeinigen Roboters des amerikanischen Militärs, welches sicher schon einige Jahre alt war, hat mich nachdenklich gestimmt. Fulminant war ebenso der Auftritt von Cem Karakaya – Spezialist für Cyberkriminalität bei der bayrischen Polizeidrektion. Neben einem Live-Hack eines Iphone aus den Reihen der Zuschauer zeigte er einen bedenklichen Blickwinkel auf die Sicherheit unserer Daten durch die zunehmende Vernetzung von Internet, Smartphones, sozialen Netzen und Datensammlung in alle denkbaren Bereiche unseres Lebens. Er appellierte an einen bewussten und sorgfältigen Umgang mit unseren Daten und an einen aktiven Schutz von Computerinhalten und elektronischer Kommunikation.

Als Überleitung zur Zahnmedizin wurde in einem Übersichtsvortrag von PD Dr. D. Thoma der Universität Zürich der mögliche digitale Workflow von der radiologischen Diagnostik über Zahnersatzplanung, Herstellung der Bohrschablone, geführte Implantation, Abformung und Anfertigung des Zahnersatzes erläutert.

Als Basis unserer digitalen Abläufe spielte im ersten Vortragsblock die Technik des DVT die zentrale Rolle. Dr. J. Fleiner und PD Dr. Dr. M. Schneiderpräsentierten systematisch Indikationen, Genauigkeit, Strahlenbelastung, Möglichkeiten und die Alternative CT. Der Vortrag von Herrn Olaf Korth, Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen Sachsen, der die Indikation zur DVT aus Sicht der Krankenkassen beleuchtete, sorgte für anhaltende kontroverse Diskussionen. Zusammengefasst lässt sich sagen: das DVT bietet eine geringere Strahlenbelastung als das CT bei größerer Präzision; die radiologische Basisuntersuchung bleibt das OPG; die dreidimensionale radiologische Darstellung führt zu einer genaueren Vorstellung der tatsächlichen Verhältnisse und ist Voraussetzung für eine 3-D-Planung; Ob jedes Implantat auf dieser Grundlage geplant werden sollte, bleibt umstritten, manchmal ist auch die „digitale" Diagnostik mit dem Finger völlig ausreichend!

Aus dem nächsten Block herausheben möchte ich den Vergleich der vorhandenen 3-D-Planungsysteme von ZTM G. Stachulla. Fazit: die Möglichkeiten sind groß, die Kompatibilität ist wie meistens leider eingeschränkt, und es gibt nur wenige „offene" Systeme, die auch mit Ausgangsdaten anderer Hardware, z.B. Intraoralscanner anderer Anbieter, arbeiten können. Einen weiteren Schwerpunkt stellte die Systematik und die Handhabung der einzelnen Schablonenarten (Planungs-, Röntgen-, Bohrschablone) von Dr. Dr. M. Kewelohdar. Ein wichtiges Puzzleteil des digitalen Arbeitsablaufes bilden die Geräte zur Abformung der intraoralen Situation. Der aktuelle Vergleich von entsprechenden Scannern mit den einzelnen Vor- und Nachteilen, Möglichkeiten und Limitationen von Prof. Dr. S. Reich aus Aachen war hochinteressant. Nach der Darstellung Prof. Dr. Dr. A. Schramms mit umfassender Nutzung der 3-D-Planung von Implantaten bildete den Abschluss des ersten Fortbildungstages ein praxisnaher Vortrag Dr. A. Volkmanns zum sinnvollen Einsatz der dreidimensionalen Implantatplanung. Die Chancen durch die moderne Technik sind beeindruckend, aber nicht jedes Implantat sollte auf diese Art geplant werden müssen.

Traditionell fand am ersten Kongresstag die Mitgliederversammlung statt. Besonderer Inhalt war diesmal die Entlastung des alten und Neuwahl des neuen Vorstandes. Insgesamt 44 Teilnehmer erlebten den interessanten und teils emotionalen Rückblick des bisherigen Präsidenten Dr. Thomas Barth auf seine Amtszeit. Der anhaltende Beifall spiegelte den großen Dank für die langjährig gute Arbeit auch des gesamten Vorstandes wieder. Einstimmig wurde als neuer Präsident des MVZI PD Dr. Dr. Matthias Schneider gewählt. Neu im Vorstand engagiert sich Dr. Stefan Ulrici.

Seinen Ausklang fand dieser ausgefüllte Fortbildungstag mit einer grandiosen Abendveranstaltung. Mit viel, viel Aufwand sorgte die Band Plaque Stop mit eloquent  getextetem Liedgut für strapazierte Lachmuskeln – herzlichen Dank! Bei Musik von Phil Collins und Genesis durch die Coverband PHIL konnten alle die wollten ausgelassen das Tanzbein schwingen – und natürlich kam selbst zum geselligen Abend der fachliche Gedankenaustausch nicht zu kurz.

Der zweite Kongresstag begann mit dem schon genannten fulminanten Vortrag zur Cyberkriminalität gefolgt von einem umfassenden Überblick von Prof. F. Beuer über speziell für CAD/CAM geeignete Materialien, welche die Anforderungen der Fräsbarkeit mit den Belastungen im Mund kombinieren. Auch auf diesem Gebiet wird auf Hochtouren geforscht, entwickelt und getestet. Mit speziellem Schwerpunkt auf der Gestaltung von Abutments zeigte Dr. Kay Vietor die Vorteile der neuen Technologien. Insbesondere bei Keramikabutments kann das Design für optimale Materialstärke und damit maximale Belastbarkeit sorgen. Nötige Neuanfertigungen, auch mit Änderungen, sind schnell und unkompliziert realisierbar, da die schon einmal verwendeten Teile digital vorhanden sind und nur noch modifiziert und erneut gefräst werden müssen.

Im nächsten Vortragsblock wurden verschiedene Planungssysteme (Atlantis, Dedicam, SmartFusion) in praktischen Alltag vorgestellt. Die Referenten PD Dr. Ch. Mertens, Dr. K.-L. Ackermann und Dr. St. Scherg zeigten, dass alle Systeme in der Lage sind, die Erwartungen an einen digitalen Workflow zu erfüllen. Fachlich gehört hier an sich auch ein Vortrag des letzten Blockes von Dr. J. Spieckermann zur Vorstellung des SMOP-Systems dazu. Neben diesem ist lediglich das Planungssystem Co-Diagnostix von Straumann ein tatsächlich offenes System, das auch Ausgangsdaten fremder Firmen zulässt. Gerade in Verbindung mit den allseits geführten Diskussionen und der Forderung nach offenen Schnittstellen für einen erleichterten Datenaustausch kann dieser Vorteil durchaus das „Zünglein an der Waage" darstellen.

In weiteren Vorträgen wurden verschiedene Randthemen erörtert. Zum Beispiel demonstrierte ZTM Th. Walther die Möglichkeit, über drahtlose digitale Erfassung der Kieferrelation die Einstellung des Artikulators zu präzisieren und zu optimieren, wobei der Arbeitsaufwand dadurch nicht grundsätzlich einfacher wird. ZTM J. Gonzales erläuterte spezielle Vorteile der Digitalisierung im Arbeitsablauf des Technikers. Ein praxisnaher Beitrag von Dr. R. Böttcher arbeitete heraus, dass auch durch moderne Arbeitsabläufe weder Zahnarzt noch Zahntechniker ersetz werden. Es ist notwendig, sich mit den neuen Techniken kritisch und konstruktiv auseinander zu setzen..

In den verlängerten Mittagspausen bestand die Möglichkeit, durch Workshops und Tischdemonstrationen, bestimmte Themen des Kongresses nach individuellen Ansprüchen und Interessen zu vertiefen und dabei auch engeren Kontakt und Austausch mit den Kollegen zu finden.

Traditionell fand parallel ein Programm für die Helferinnen statt. Ca. 70-80 Praxismitarbeiterinnen folgten der Einladung und erlebten ein spannendes und abwechslungsreiches Fortbildungsangebot. So bestand auch dieses Jahr wieder die Möglichkeit, eine Fortbildungsveranstaltung mit der ganzen Praxis wahrzunehmen.

Am Samstagabend fand sich der „harte Kern" der Kollegen zu einer „Chill out Party" im August-Horch Museum ein. Besonderer Höhepunkt des Abends war neben der musikalischen Begrüßung durch eine Saxophonistin die individuelle Museumsführung durch den mittlerweile 140 Jahre alten August Horch persönlich. Dabei konnten die Teilnehmer neben den Exponaten der Ausstellung viele interessante Dinge um die Entwicklung der Horch-Automobile und die Verhältnisse der damaligen Zeit erfahren. Bei Live-Musik und einem kleinen feinen Buffet fand dieser Abend seinen Ausklang.

Ein Kongress dieser Größe und dieses Formates ist natürlich ohne die zahlreiche Unterstützung der Industrie undenkbar. Dieses Jahr hatten sich neben einigen Firmen welche Dienstleistungen (digitale Beratung, Abrechnungsunterstützung) oder Instrumente anbieten auch wieder alle großen Implantatfirmen engagiert. Vor allem Straumann und DentsplyImplants als Goldsponsoren, sowie NobelBiocare und Camlog waren vertreten. Ebenso waren von der „regenerativen Seite" Firmen die Geistlich oder Botiss vertreten. Die Aussteller fanden sehr gute Voraussetzungen, ihre Produkte und Dienstleistungen zu präsentieren. An dieser Stelle einen herzlichen Dank für die finanziellen Beiträge. In den Pausen zeigten die Kollegen reges Interesse an den einzelnen Ständen und fanden die Möglichkeit für intensiven Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Insgesamt war alles so, wie man es von einem großen zweitägigen Kongress erwarten würde: spannende, aktuelle und wissenswerte Vorträge; viele interessierte Kollegen und Kolleginnen, welche sowohl alte Kontakte, als auch einen regen Erfahrungsaustausch pflegen konnten; eine ausgelassene und gesellige Abendveranstaltung und eine fast schon familiäre Atmosphäre. Herzlichen Dank an alle Organisatoren, Unterstützer und Teilnehmer für diese beiden gelungenen Fortbildungstage.

Besonders möchte ich Frau Kluge und Herrn Ege von der youvivo GmbH für die sehr gute Kongressorganisation danken.

Ihr Jan Herrmann
Wissenschaftlicher Kongressleiter