Kongressbericht 22. Sommersymposium des MVZI: Kürzer, dünner, schneller, weißer- Trends oder Paradigmenwechsel in der Implantologie

 

Dr. Thomas Barth, der Präsident des MVZI, eröffnete das 22. Sommersymposium des MVZI zum Thema und damit eine spannende und durchaus auch kritische Debatte zu aktuellen Entwicklungen in der Implantologie. Zu den Themen kürzere/ dünnere Implantate, Sofortbelastung und Keramikimplantate kamen regionale, nationale und internationale Referenten. Im Vordergrund stand die insbesondere für den implantologisch tätigen Praktiker spannende Fragestellung: handelt es sich um einen aktueller Trend, eine alternative Methode, eine bewährtes Verfahren oder gar einen Paradigmenwechsel. Vor diesem Hintergrund trafen sich 240 Kollegen zur Tagung vom 18. - 20.Juni 2015 in Halle.

Gemeinsam mit dem Vorstand des MVZI hatte Kongresspräsident Dr. med. dent. habil. Arne F. Boeckler aus Halle ein umfassendes Programm mit hochkarätigen Referenten aus Praxis und Hochschule zusammengestellt um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den drei Tagen neueste wissenschaftliche und praktische Erkenntnisse zu präsentieren.

Zu den Besonderheiten der MVZI-Kongresse gehört das persönlich gestaltete Rahmenprogramm und die musikalische Eröffnung. In diesem Jahr erfreuten als Auftakt Klavierstücke, vorgetragen von Tamari Okroashvili vom Institut für Musik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Dünne Implantate: Stand der Wissenschaft

Als Einstieg in das Thema präsentierte Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas aus Mainz einen Überblick über den aktuellen Stand bei den dünnen Implantaten. Er konnte zeigen, dass sich Implantate mit 3,5mm durchaus in allen Indikationsklassen bewährt hatten. Es wurde geschlussfolgert, dass eher eine Implantation in ortsständigen Knochen mit ausreichend periimplantärer Stärke wichtig ist, als ein breiter Implantatdurchmesser mit gegebenenfalls periimplantärer Knochenaugmentation. Jedoch wurde in der Vortragsdiskussion zu bedenken gegeben, dass die Anwendung dieser Studienergebnisse nicht auf alle Implantatsysteme übertragen werden kann. Eine Verblockung der Implantatkronen verringert dabei die technischen Komplikationen, ein Einfluss auf die Implantatüberlebensrate bleibt nach der derzeitigen Studienlage uneindeutig.

Der Einsatz von Mini-Implantaten in der Total- und Teilprothetik wurde von PD Dr. T. Mundt aus Greifswald sehr anschaulich dargestellt. Als Kriterien für einen Behandlungserfolg wurde eine Mindestlänge von 10 mm, eine Mindestdurchmesser für den UK von 1,8mm und für den OK von 2,4mm, eine Mindestanzahl im UK von 4 und im OK von 6, sowie für die Sofortbelastung mindestens ein Drehmoment von 35 Ncm gefordert. Bei der Implantation wurde von einem transgingivalen Vorgehen abgeraten und die Präparation eines kleinen Mukoperiostlappens empfohlen. Unter Beachtung dieser Regeln konnte in einer hauseigenen Studie eine Überlebensrate von ca. 95% erzielt. Dabei wurden 738 Miniimplantaten in einem Beobachtungszeitraum von 4 Jahren nachuntersucht. Bei der Suprakonstruktion hatte sich die Kombination von Kugelkopfattachements mit Teleskopkronen auf natürlichen Zähnen entgegen des Prinzips der Verwendung von gleichen Verbindungselementen bewährt. Unter den Aspekten der guten Überlebensraten, hohen Patientenzufriedenheit, der möglichen Pfeilervermehrung und Einfachheit der prothetischen Konstruktion stellt die Anwendung der Miniimplantate eine Erweiterung des implantologischen Spektrums dar, allein zur Sofortbelastung ist die aktuelle Studienlage unklar.

Frau Dr. S. Mansour aus Halle nährte sich dem Thema mit der provokanten Fragestellung: „MINI-Implantate. Is it love?". Sie konnte in ihrer Studie zeigen, dass auch bei der Reduktion der Implantatzahl auf 2 statt 4 und Sofortbelastung im UK die Lebenszufriedenheit der Patienten signifikant steigt, wobei allerdings der langfristige Behandlungserfolg bei nur 2 Miniimplantaten fraglich bleibt.

Den erfolgreichen Einsatz von Miniimplantaten in der Praxis konnte Herr Dr. M.Gey aus Chemnitz(Foto 8) demonstrieren, erhöhte jedoch die Kritierien für die Verwendung von Miniimplantaten mit mindestens 13mm Länge und 2,1mm Durchmesser. Als Kontraindikation wurden festsitzende Versorgungen im Gegenkiefer, Bisphosphonattherapie, fehlende Gaumenbedeckung der Prothese im OK, distale Implantation im OK und Sofortbelastung bei D3/4 –Knochen genannt.

Sofortversorgung und Belastung

Ein weiteres wichtiges Thema war das Stichwort „schnell", denn heute soll alles schnell gehen. Dr. A. Boeckler stellte sich schon im Vorfeld der Tagung die Frage „Ob die Osseointegration da mitspielt? Ist schnell auch sicher und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen?" Die Referenten beleuchten unterschiedliche Szenarien, darunter die Extraktionsalveole, das Geschehen bei einer Einzelzahnlücke und die Chancen bei zahnlosem und atrophiertem Kiefer. Die Sofortimplantation und Sofortversorgung in der Oberkieferfront wird aufgrund der Variabilität in der Heilung kontrovers in der Literatur beurteilt. Dr. St. Fickl aus Würzburg betonte aus diesem Grund die kritische Fallselektion und zeigte sein Konzept für ein voraussagbares Vorgehen. Generell wurden dünnere Implantatdurchmesser, eine palatinale Position und eine Auffüllung des bukkalen Spaltes mit „schwer resorbierbarem" Knochenersatzmaterial empfohlen. Eine besondere Beachtung wurde gegeben hinsichtlich Platformswitching zum Schutz der bukkalen Lamelle und einer dichten Implantatverbindung zu allen Komponenten (Gingivaformer, provisorischen und definitivem Abutment).

Sehr eindrucksvoll zeigten die histologischen Studien von Frau Dr. Nahles aus Berlin die Heilung der Extraktionsalveole und die große interindividuelle Variabilität der osseären Neuformation. Unter der Verwendung von Knochenersatzmaterial trat der Dimensionsverlust des Kieferknochenknochens erstspäter auf. Es bestanden jedoch deutliche Unterschiede bei der Knochenheilung, so dass an ein kontrolliertes Vorgehen in der implantologischen Praxis appelliert wurde.

Prof. R. Haas aus Wien zeigte sein Konzept der Sofortimplantation und Sofortversorgung beim zahnlosen Kiefer. Die Implantaterfolgsraten nach 10 Jahren Untersuchungszeitraum betrugen für die späte, verzögerte und sofortige Implantation 98%, 96% und 92 %. Eine andere Alternative der Resorption der bukkalen Wand zu begegnen zeigte Dr. R. Nölken aus Lindau, in dem Profilimplantate verwendet und damit die Schräge des Kieferkammes nachvollzogen wurde. Die klinischen Beispiele und Messungen zeigten gelungene ästhetische und funktionelle Ergebnisse.

In den Diskussionen zeigte sich auch in diesem Jahr die Wichtigkeit des intensiven Austausches mitunseren Zahntechnikern. Ihre hohe zahntechnische Expertise ist oft der Schlüssel für die erfolgreiche implantatprothetische Rehabilitation unserer Patienten.

Keramikimplantate

Der Abschluss am Freitag stand ganz im Fokus des Keramik-Implantates. In den vergangenen zehn Jahre hatten sich vor allem kleinere Unternehmen auf Keramikimplantate aus Zirkonoxid spezialisiert. Inzwischen sind auch Produkte von internationalen Premiumherstellern mit dem notwendigen wissenschaftlichen Anspruch auf den Markt gebracht worden.

In dieser gerade wieder aktuellen, aber nicht wirklich neue Therapievariante der Implantologie gaben uns Prof. Kohal aus Freiburg und Dr. Gahlert aus München Einblicke in erste klinischer Studien und zeigten an eindrucksvolle klinische Bilder mögliche Einsatzgebiete. Die langfristigen Studienergebnisse stehen jedoch zu großen Teilen noch aus und es besteht weiterhin der Bedarf nacheinem zweiteiligen Keramik-Implantatsystem.

Um „ das Weiße" in der Suprakonstruktion ging es bei Prof. F. Beuer aus Berlin. Für die Einzelimplantatkrone favorisierte er die verschraubte Disilikatkrone mit einer Klebebasis. Bei der monolitische Zirkonkrone gab er die Gefahr eines möglichen Implantatbruches zu bedenken. Die Verschraubung ist technisch einfacher geworden und reduziert das Risiko einer Periimplantitis durch Zementreste. Bei Brücken auf Implantaten empfiehlt er für einen passiven Sitz die Zementierung. Als Materialien haben sich im Frontzahnbereich Zirkonoxid für Abutment und Brückengerüst, im Seitenzahnbereich die klassische Metallkeramik bewährt.

Zum Schluss des ersten Tages ging es bei Dr. Wiegner aus Saalfeld um die Periimplantitistherapie in seiner Praxis. Trotz imposanten Implantatzahlen über mehrere Jahre, konnte keine Zunahme der Periimplantitisbehandlung in der Praxis beobachtet werden. Die bekannten Risiken, wie Rauchen, Diabetes, aktive Parodontitis konnten in der retrospektiven Untersuchung bestätigt werden.

Hauptbesuchermagnet der Kongressteilnehmer war die umfangreiche Ausstellung der Industrie. Bei ausführlichen Gesprächen, konnten sich die Kollegen über alt bewehrte und interessante Neuheiten informieren. 

MVZI Party mit BELL BOOK + CANDLE

Als Abschluss des ersten, spannenden Kongresstages kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum MVZI-Gesellschaftsabend zusammen. Die Musiker des Show-Acts ‚Bell Book + Candle', die mit dem Song „Rescue me" weltweit die Charts anführten, heizten den Gästen ordentlich ein und füllten die Tanzfläche bis tief in die Nacht.

SAMSTAG

Auch in diesem Jahr rundete ein breit gefächertes Programm für das Team in der Zahnarztpraxis das Sommersymposien des MVZI ab: So starteten die Mitarbeiterinnen am nächsten Morgen mit spannenden Themen Von „A" wie „Abrechnung" über „N" wie „Nachsorge von Implantaten" bis zu „Z" wie „Zaubermittel – Respekt" in den Tag.

Kurze Implantate

Der zweite Kongresstag widmete sich dem spannenden Thema der kurzen Implantate. Während vor zehn Jahren Implantate, die wir heute als „kurz" einstufen noch sehr skeptisch betrachtet wurden, konnten die Vorträge von Prof. N. Enkling aus Bern, J. Herrmann aus Zwickau und Priv. Doz. F.P. Stritzel (Foto 24) aus Berlin den aktuellen Stand der Erkenntnisse zur Biodynamik von kurzen Implantaten darstellen und deren Einsatzmöglichkeiten im klinischen Alltag wissenschaftlich untermauern. Wo allerdings die Indikationsgrenzen liegen und wie kurz ein Implantat sinnvollerweise sein darf „ist bislang noch nicht entschieden." Zudem müsse die Frage geklärt werden: „Was ist kurz?" Währendman vor wenigen Jahren noch Implantate mit einer Länge von 8mm als kurz einstufte, stehen heute 4mm-Produkte zur Verfügung. Für diese Implantate und spezielle Indikationen lägen zwar noch keine Langzeitstudien vor, aber einige eindrucksvolle Ergebnisse über einen begrenzten Beobachtungszeitraum konnten gezeigt werden.

Kürzer – dünner – weißer – schneller Prothetik im Praxisalltag

Prof. Dr. Katja Nelson/Freiburg beispielsweise verwies auf die, nach wie vor nicht gelöste Spalt- Probleme zwischen Implantat und Abutment und zeigte eindrucksvoll, dass „keine Implantat-Abutmentverbindung wirklich dicht ist". Weitere Vorträge fokussierten auf die Anforderungen, dieKnochen, Weichgewebe und Techniken bei ästhetischen Lösungen spielen. Freie Vorträge ergänztendas Programm.

Frau Dr. N Passia aus Kiel stellte das Konzept des mittigen Einzelimplantates zur Stabilisierung einer Totalprothese über eine Locatorverbindung im zahnlosen Unterkiefer vor. Die Sofortbelastung hattesich dabei nicht bewährt. Mit dem Hintergrund der Praxiserfahrung wurde der Ansatz der Studie vonimplantologisch tätigen Praktikern kontrovers diskutiert. Insgesamt war es eine kommunikative Tagung, es gab eine rege Beteiligung an den Vortragsdiskussionen, so dass klinische und praxisbezogene Fragestellung ausführlich geklärt werden konnten. Darüber hinaus fand ein offener kollegialer Austausch bei den Workshops der Industrie und in der Industrieausstellung statt.

Die spannenden und zum Teil kontroversen Diskusionen im Anschluss an die Vorträge zeigten auch in diesem Jahr, dass gerade im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Auditorium klinisch sehr interessante Fragestellungen mit dem für uns alle notwendigen Praxisbezug vorgetragen wurden.

Als Abschluss gab T. Joda aus Bern in seinem Vortrag zum Thema „Implantatprothetik im digitalen Workflow – Schneller? Sicherer? Besser?" einen Ausblick auf das 23. Sommersymposium des MVZI, dass unter dem Thema „Bits, Bytes und Biss" vom 26.- bis 28. Juni 2016 in Zwickau stattfindet zu dem wir Sie ganz herzlich einladen möchten.

Text: Dr. Jan Spieckermann, ZA  Jan Fischer
Bilder: Stefan Sachs (bildersucht.de)

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