Tagungsbericht implantologische Schlosstage Gotha vom 5.9.-6.9.2014Zu den 7. Implantologischen Schlosstagen hatte der Vorstand des MVZI/DGI e.V. in diesem Jahr auf das Schloss Friedenstein nach Gotha eingeladen. Schloss Friedenstein ist eine der kunst- und kulturhistorisch bedeutendsten Schlossanlagen Thüringens und steht landschaftsbeherrschend über der Altstadt. Unter dem Bauherren Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha- Altenburg errichtete Architekt Caspar Vogel von 1643-56 eines der größten Schlösser seiner Zeit und eine der wichtigsten Residenzen Thüringens in der frühen Neuzeit. In der spätbarocken Orangerie der Schlossanlage, dem „Lorbeerhaus", begrüßte der Präsident des MVZI/DGI e.V. Dr. Thomas Barth am Freitagabend die mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen zum Galaabend. Bei Grillspezialitäten und Thüringer Bratwurst wurden erste gute Gespräche geführt. In seinem Programm eröffnete uns Ilse Bähnert (alias Kabarettist Tom Pauls)mit viel Mutterwitz geprägte Lebensbetrachtungen über das Alltägliche. Das wissenschaftliche Programm eröffnete am Samstagmorgen Doz. Dr. Michael Fröhlich aus Dresden und begrüßte die anwesenden Teilnehmer und Referenten ganz herzlich. Dem Tagungsthema „Back to the roots? – Ist das Jahrhundert der Wurzelspitzenresektion vorbei?" stellte sich als erster Referent der erfahrene Implantologe Dr. Sebastian Schmidinger aus Seefeld. Ob jede Endo einem Implantat im Wege steht, war von Ihm zu beantworten und forderte seine langjährige Erfahrung in der Implantologie. Unterstützt durch seine eindrucksvoll bebilderten Patientenfälle zeigte er, mit welcher vorhersagbaren Sicherheit bei entsprechender Indikation Implantate mit langfristigem Erfolg inseriert werden können. Kollege Schmidinger räumte aber auch ein, dass seine momentane endodontische Erfahrung noch nicht die Perfektion des Endospezialisten habe, um eine erfolgreiche Wurzelbehandlung eines Zahnes versus erfolgreiche Implantation einschätzen zu können. Mit Dipl.-Stom. Michael Arnold aus Dresden folgte ein erfahrener Spezialist für Endodontologie und Zahnerhaltung, der einige Jahre an der Hochschule in Dresden mit der Endodontologie und Zahnerhaltung betraut war und heute in eigener spezialisierter Praxis arbeitet. Bisher kommt als Standardtherapie bei Zähnen mit irreversibler Pulpenschädigung die Wurzelkanalbehandlung zum Einsatz. Die Isolation dentaler Stammzellen und Fortschritte im Bereich des Tissue Engineerings eröffnen neue Möglichkeiten der Therapie zur Regeneration der Zahnpulpa und des Dentins. Der Therapierfolg in der Endodontologie sollte mit ständiger Weiterbildung steigen, um die Zahl von heute 40 – 60 % fehlerhafter Behandlungen weiter reduzieren zu können. Die Ursachen für fortbestehende Infektionen an endodontisch behandelten Zähnen sind in der Nichtbehandlung von Wurzelkanälen, Perforationen, Stufenpräparationen und nicht aseptischen Behandlungskonzepten zu sehen. Das Arbeiten mit Mikroskop und Sehhilfen, mit definierten Feilensystemen und modernem Spülprotokoll sind wesentliche Erfolgskriterien der modernen Endodontologie. Zusammenfassend schätze Kollege Arnold ein, dass eine gute Wurzelkanalbehandlung den dauerhaften Ersatz eines geschädigten Zahnes verhindern kann. Bei fehlender Restaurierbarkeit, Wurzel- oder Vertikalfrakturen bzw. negativer Patientencompliance sieht Kollege Arnold das Implantat als erfolgreichere Therapieform an. Den Erfolg oder Misserfolg nach Implantation oder endodontolgischer Zahnbehandlung verifizierte Dr. Edgar Hirsch von der Poliklinik für konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie der Universität Leipzig mit der Darstellung und Interpretation röntgenologischer Befunde nach Endotherapie, WSR und Implantation. Mit dem Schwerpunkt auf die 3D- Diagnostik zeigte er spezielle, interessante Röntgenfälle. Mittlerweile ist die DVT- Technik fester Bestandteil der ärztlichen und zahnärztlichen Diagnostik in der Traumatologie, MKG- Chirurgie, Parodontologie, Implantologie und Endodontologie. Dr. Hirsch ging auf die S2K- Leitlinie der DGZMK für DVT- Indikationen ein und schärfte den Blick der Kollegen für genauere Betrachtung der Rö-Aufnahmen. Sein abschließendes Credo an das Auditorium war:
„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Der wissenschaftliche Vormittag wurde von Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie an der Ruhruniversität Bochum, eindrucksvoll abgerundet. Ob es Übereinstimmungen oder Diskrepanzen zwischen Leitlinien bzw. wissenschaftlichen Studien und den Behandlungsrealitäten gibt, analysierte er in seinem Vortrag messerscharf. Die Evidenz, insbesondere evidenzbasierte Medizin ist kein festes Konzept und unterliegt einem stetigen Wandel. Der momentane Stellenwert der internen Evidenz nimmt stetig zu Gunsten der externen Evidenz ab, d.h. die eigenen Erfahrungswerte werden nicht ausreichend gewürdigt. Passende wissenschaftliche Studien zu unseren Fachgebieten analysierte Prof. Kunkel sehr genau und hinterfragte warum die Studienergebnisse zum Teil gravierend abweichen. Die Fehlerquellen der externen Evidenz liegen im Wesentlichen im Aufbau der Studien, der Patientenselektion, bestimmter Interessenkonflikte, der Berufspolitik und vor allem im wissenschaftlichen Fehlverhalten. Gezielt werden methodische Ergebnisse durch Veränderung der Ein- oder Ausschlusskriterien beeinflusst. Studienergebnisse werden falsch interpretiert und bewertet, oder unerwünschte Ergebnisse weggelassen. Prof. Kunkel bemerkte, dass die Erfolgsraten in den von der Industrie gesponserten Studien um ein mehrfaches höher sind als Erfolge in öffentlich geförderten Arbeiten. In der Zusammenfassung unseres Tagungsthemas: „Back to the roots? Ist das Jahrhundert der Wurzelspitzenresektion vorbei?" traf Prof. Kunkel klare Aussagen. Die WSR als vermeintlich notwendige kausale Therapie jeder periapikalen Pathologie ist biologisch nicht mehr haltbar. Eine Kompensation einer ungenügenden endodontischen Behandlungsqualität durch eine WSR ist obsolet. Die WSR ist als ergänzende Maßnahme eines sicheren apikalen Verschlusses weiter indiziert. Methodische Neuerungen, insbesondere moderne Materialien und piezochirurgische Aufbereitungsverfahren können die Erfolgsrate verbessern. Die abschließende Tagungsdiskussion eröffnete Doz. Dr. Fröhlich und bemerkte, dass nach dem letzten Vortrag viele Säulen seiner wissenschaftlichen Betrachtungen eingestürzt wären. In der lebhaften Diskussion waren sich nicht nur die Referenten einig, dass die Generalisierung in der Zahnheilkunde immer mehr und schneller in eine Spezialisierung der Kollegen in die einzelnen Fachbereiche übergehen wird. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Implantologen, Parodontologen und Endodontologen wird und muss sich vertiefen. Studien zu interpretieren ist heute schwieriger geworden und zeigt wiederholt eindeutiges Fehlverhalten auf. Schlussfolgernd sind Erfahrungsevidenzen von spezialisierten Kollegen zukünftig höher zu bewerten.
„Das Jahrhundert der WSR ist vorbei …, aber das Neue hat schon begonnen!" Präsident Dr. Thomas Barth verabschiedete die Kollegen aus Gotha, freute sich über die rege Diskussion und hervorragende Tagungsdisziplin. Sein Dank galt allen Referenten für die aktuellen und hochwertigen Vorträge. Der Industrie dankte der Präsident im Besonderen; ohne ihre aktive Hilfe sind diese Veranstaltungen nur schwerlich zu realisieren. Die Firma boeld communication GmbH aus München hat die Tagung in Gotha wieder perfekt organisiert. Nach abschließendem Besuch der Industrieausstellung und Brunch endete die Veranstaltung. In zwei Jahren werden wir uns zu den 8.implantologischen Schlosstagen im Schloss Meisdorf am Rande des Harzes wiedersehen. Text: Dr. Uwe Woytinas Vorstandsmitglied MVZI/DGI e.V. Fotos: Stefan Sachs |
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